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Bussardfeder
“Es war doch ganz gut, dass wir noch ein wenig spazieren gegangen sind.” Der Vater lächelte die Mutter an. Sie nickte und sagte „zuerst wollte ich nicht mit gehen, und die Kinder waren auch nicht gerade begeistert von deinem Vorschlag. Oder etwa nicht?“ Sie tätschelte die kleine Biggi auf die Wange und blickte sie zärtlich an. „Ja, Mama, lieber hätt’ ich im Fernsehen den Film mit den kleinen Monstern angeschaut, aber der Papa geht halt lieber spazieren.“ Der Vater lachte und sagte „ am Sonntag Nachmittag ist es schon besser, wenn wir an die frische Luft kommen. Und was meint Heino dazu, ha?“ Der Junge stierte vor sich auf den Boden und sagte nichts. „Na gut, wenn du keine Meinung dazu hast, dann ist das auch in Ordnung.“ „Wohin gehen wir jetzt, Mama?“ fragte Biggi. „frag deinen Papa, der hatte die Idee.“ Der Vater schaute unschlüssig umher und sagte dann „wir sollten den kleinen Weg an der Kirche vorbei zu den Büschen laufen. Da gibt es immer was zu beobachten. Es blüht doch noch jede Menge an Blumen und Sträuchern.“ „O ja,“ rief Biggi „vielleicht sehen wir dann auch noch einen kleinen Hund.“ „Vielleicht“, der Vater grinste und lachte vor sich hin. Sie gingen den schmalen Weg entlang der alten Kirche. An der einen Seite war er von einem Holzzaun begrenzt und auf der andern kamen sie nach kurzer Zeit an der Mauer der Kirche vorbei. Als sie am Ende angelangt waren, rief Heino „schau was da am Boden liegt.“ Er bückte sich und hob die Feder auf. Sie war schmal und braungrau und ganz weich. „Ich will sie“ schrie Biggi, aber Heino stopfte sie in seine Jackentasche. Am Ende der Kirchenmauer wurde sie von einem Drahtzaun abgelöst. Plötzlich rief Heino „da schaut mal, was ist denn da auf dem Dach.?“ Sie blickten alle nach oben. An der Rückwand der Kirche erstreckte sich ein rechteckiger Sockel, auf dem ein ziemlich großer Käfig angebracht war. Er war auch hoch, und von einer Seite zur andern ragte ein dicker Ast über den ganzen Käfig. Dann flüsterte Biggi „Mama, da sitzt ja ein Vogel drauf.“ Sie starrten alle auf den Vogel. Man konnte ihn nicht gut sehen, denn er saß regungslos im Schatten der Mauer. „Wie kommt der Vogel dahin?“ Der Vater zeigte mit der Hand nach oben. Da drehte sich der Vogel etwas zur Seite, und Heino schrie „er hat ja nur einen Flügel! Es ist ja ein Raubvogel.“ „Ja gibt’s denn das, ein Bussard, hier im Käfig, mit nur einem Flügel.“ Der Vater schüttelte den Kopf und blickte wie um Hilfe suchend um sich. „Mama, wer hat dem Vogel den Flügel weggenommen?“ Biggi schaute die Mutter an und umklammerte ihre Hand. „Ich weiß es auch nicht, Kind. Vielleicht hat man ihn angeschossen.“ „Nein, sagte Heino „er hat auf der Autobahn nach Beute gesucht und ist überfahren worden.“ „Ja“ meinte der Vater „so könnte es schon gewesen sein.“ „Mama, ich habe Angst“ schluchzte Biggi „er tut mir ja so leid, der schöne, große Vogel.“ „Du brauchst keine Angst zu haben, Biggi...“ „aber er kann doch nicht mehr fliegen, Mama, er muss doch hier sterben.“ Sie presste sich an die Mutter, und man hörte ihr Schluchzen und Schniefen. Der Vater strich ihr über den Kopf und sagte „er möchte eben auch leben, wie alle Lebewesen und auch wir Menschen.“ „Aber er wird eingehen“ rief Heino „er wird doch nie mehr in Freiheit kommen und andere Tiere jagen.“ Er blickte unverwandt zu dem Vogel in seinem Käfig hoch und beschattete mit der einen Hand seine Augen. „Mama, warum lassen wir ihn nicht frei?“ Biggi zerrte die Mutter zum Zaun und schrie „ich will, dass er wieder fliegen kann!“ Biggi beruhige dich, wir können ihm nicht helfen.“ Aber die Kleine war nicht mehr zu halten. Sie hängte sich an die Maschen des Drahtzauns und rüttelte an den dünnen Drähten, und dicke Tränen liefen über ihre Wangen.
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